Freejazz ist tot, es lebe der Jazz
"Die Trilogie" aus Stuttgart improvisiert um gängige Standards

Frühschoppen im "'s Café" in Sindelfingen:
Free-Jazz ist tot, es lebe der Jazz

"Die Triologie" aus Stuttgart improvisiert um gängige Standards

Neue Räume, neue Veranstaltungen,neue Gäste:
"'s Café" in der Sindelfinge Turmgasse lud zu einem Jazz-Frühschoppen mit den drei Stuttgartern "Die Trilogie". Fast 50 Gäste bevölkerten am Sonntagmorgen um elf Uhr den kleinen Raum, der nach seiner Renovierung hell und freundlich mit einem kostenlosen Frühstücksbüffet aufwartete.


Jazz am Sonntag, dem ruhebelasteten Familientag des christlichen Abendlandes,noch dazu am Morgen, wenn die Nerven noch nicht gestählt vom Tagesrhythmus? Ein billiges Vorurteil, denn "der Free-Jazz gehört zu einer toten Epoche, war Musik von Musikern für Musiker". Kontrabassist Branko Arnsek von der "Trilogie" grenzt die Selbstbefriedigung am Instrument von vorherein aus - nicht aber die freie Improvisation: "Wir orientieren uns an den vorgegebenen Standards des klassischen Jazz".
Das Notenblatt verheisst Miles Davis "Someday my Prince".
Gary Burton und Keith Jarrett. Doch: "Das Thema dauert nicht mal eine Minute", des Trios Stücke werden drumherum grup-piert, variiert, improvisiert. Unter einer Prämisse: "Wir dürfen nicht nur bei zehn Leuten ankommen." Swingt da zwischen den Zeilen ein kommerzialisierter Populär-Jazz? Keineswegs. Das musikalische Verständnis der "Trilogie" fußt auf anderen Mas-stäben: "Der Jazz entlieh sich schon immer Themen aus der gängigen Musik, aus Musicals, aus der Pop-Musik. Aber sie werden mit den Mitteln des eigenen Mediums weiterentwickelt bei uns im engen Kontakt zum Publikum", erklärt Pianist Rade Soric.
Die drei Jungs müssen es wissen: Soric, der Düsseldorfer, und Schlagzeuger Hans Fickelscheer studieren in Stuttgart, Kontrabassist Branko Arnsek in Bern - Jazz natürlich, "wenn man Jazz überhaupt studieren kann", schränkt Rade Soric ein.
Die selbstaufgeworfenen Frage beantwortet er nicht: "Das Diplom ist wichtig. Damit kann man als Musiklehrer arbeiten."
Zukunftsperspektiven? Die "Trilogie" spielt erst ein halbes Jahr zusammen. Die Chancen des Jazz seien heute so gut wie lange nicht mehr. "Immer mehr Veranstalter im Grossraum setzen auf Jazz-Musik. Erst kürzlich hatte Nina Simon einen klassischen Jazz-Titel in den Hitparaden plaziert. Wir haben ein quasi unregelmässiges Dauerarrangement im Heslacher Schützenhaus", wertet Branko Arnsek die Situation positiv.
Und vielleicht auch bald eines im " *s Café" in Sindelfingen.
Denn dort präsentierte das Trio die klassischen Jazz-Themen abgestimmt, arrangierte die Stücke, ohne starr am Grundkonzept festzuhalten. "Die Trilogie" eint ihr Selbstverständnis: "Du bist dein eigener Komponist, wenn du spielst. Und dennoch spielt weniger die Komposition eine Rolle, als vielmehr die Interaktion zwischen den Musikern und gemeinsam mit dem Publikum."
AXEL NOVAK SZ 1990