Musik, nicht aus dem Windkanal
Musicians Network bietet Stuttgarter Jazztalenten ein Publikum
Der Jazz hatte in Stuttgart schon manche
Heimstätten: selten über, meist unter dem
Straßenpflaster. Jetzt gibt es neues Quar-
tier, diesmal unter der Ttreodor-Heuss-
Straße: ,,Musicians Network" hat sich am
Freitag abend im Studio von Piano Fischer
vorgestellt. Starkoch Vincent Klink ist ei-
ner der Sponsoren. Freitag, der 13.: keineswegs ein Un-
glückstag für Stuttgarter Jazzer. Im Ge-
genteil. ,,Musicians Network", eine im Ver-
einsregister ordnungsgemäß eingetragene
Musikerinitiative, zelebrierte den Eröff-
nungsabend vor einer Hundertschaft inter-
essierter Zuhörer. Jazzprofessor Bernd
Konrad gab mit einem knallenden Bariton-
saxophonsolo den Startschuß und stellte
danach die musizierenden Mitglieder vor:
die Saxophonisten Nikola Lutz und Frank
Kroll, den Geiger Klaus Marquart, den
Pianisten Patrick Bebelaar, den Bassisten
Branko Arnsek und den Schlagzeuger
Bernd Settlmeyer. Ehe Konrad mit einem weiteren Solo,
diesmal auf dem Sopransax, dem Musiker-
verein einen ,,Iangen Atem" wünschte,
kommentierte er den Zweck des Netz-
werks. Es solle eine Anlaufstelle sein für
junge, professionell arbeitende Musiker.
Denn die drohten im Räderwerk der gro-
ßen kommerziellen Festivals unterzuge-
hen. Die aus Nachwuchsjazzern, Altprofis
und Förderern bestehende Initiative will
diesen Talenten ein Podium bieten, dem
Publikum beweisen, welche Begabungen
in Stadt und Land, besonders in der Stutt-
garter Musikhochschule, heranwachsen.
Im übrigen sei der Jazz awch am Neckar
wie überall in der WeIt eine ,,Iebendige Re-
aktion auf die herrschenden Rahmenbe-
dingungen".
Apropos Rahmenbedingungen: die wa-
ren recht komfortabel. Musikalienhändler
Dieter Fischer hatte ein Unterflur-Studio
für diesen Abend (und die nächsten neun)
gratis zur Verfügung gestellt. Vinz Klink
hatte von seiner ,,Wielandshöhe" ein Edel-
büffet samt Prosecco und Rotwein ange-
schleppt. Außerdem hielt der als Koch, Li
terat und ausübender Musiker multitalen-
tierte Klink eine geradezu programmati-
sche Rede: In Zeiten, in denen Fotomo-
delle, Jungmanager und Juppis aussähen,
als seien sie dem Windkanal des Zeitgeists
entsprungen, lebten viele Jazzmusiker
noch immer am Rande des Existenzmini-
mums. Klinks Forderung: ,,Der Jazz muß
alle verfügbaren Kräfte vereinigen, um
sich gemeinsam gegen den Schund und
die musikalische Umweltverschmutzung
der heutigen Zeit ztt stemmen. Wir for-
dern: weniger Gestank im Ohr."
Der nächste gehörfreundliche Jazzabend
startet in der Theodor-Heuss-Straße 8 am
25. Oktober, 20 Uhr. Dann haben, wie am
Freitag im StZ-Feuilleton bereits angekün-
digt, PauI Schwarz, Piano, Florian King,
Baß, Martin Keller, Saxophon, und Uwe
Kühner, Schlagzeug, jeweils die Chance zu
einer eigenen Performanee, an die sich
noch ein gemeinsames Jazz-Finale an-
schließen soll. Martin Hohnecker
Stuttgarter Zeitung
